Sonntag, 29. November 2020, 16 Uhr

Kirche St. Arbogast Muttenz

Das dritte Konzert der Sibelius-Veranstaltungsreihe will den Kammermusik-Schatz des grossen Sinfonikers Nordens näherbringen. In den heutigen Konzertprogrammen findet man leider kaum Kompositionen, die Sibelius für kleinere Besetzungen schrieb, bis auf das Streichquartett Voces Intimae (1909), sein bekanntestes Kammermusikwerk, sowie einige Klaviertrios und virtuose Violinstücke.  


Sicher war Jean Sibelius vor allem ein Komponist von Orchesterwerken, seien es Sinfonien, sinfonische Dichtungen oder Bühnenmusik. Bevor er aber für seine Orchesterkompositionen berühmt wurde, schrieb er fast ausschließlich Kammermusik. Auch Voces Intimae ist ein Frühwerk von ihm. In späteren Jahren schrieb er hingegen nur noch einzelne Kammermusikwerke.


Die zwei zu hörenden Opus-Werke, Nr. 77 sowie Nr. 78, komponierte Sibelius in den Jahren 1914-1917, in einer Zeit, in welcher er unter einer schwierigen Schaffenskrise litt. Seine Sentiments waren dramatisch aufgewühlt. Einerseits fühlte er sich euphorisch: «Ich sehe bereits den Berg, den ich besteigen werde. Der Gott wird seine Tore für einen Augenblick öffnen und sein Orchester wird meine fünfte Sinfonie spielen». Andererseits empfand er Vereinsamung und Lebensängste, gar Weltschmerz: «Ich ringe mit Gott.»


Sibelius komponierte 1914-1922 vorwiegend kleinformatige Instrumental- und Vokalstücke, keine grosse Orchesterliteratur. Sein Kopf arbeitete zwar an Motiven für die Sinfonien 6 und 7, seine Hände jedoch an der bereits uraufgeführten fünften Sinfonie (1915). Vier Jahre lang korrigierte er sie unermüdlich und schuf neue Versionen. Am Ende strahlte ein Meisterstück. Die heute bekannte, stark von ihm veränderte Fassung wurde zu seiner beliebtesten Sinfonie.  

 
In dieser intensiven Phase fingen tragischerweise seine Hände an, zu zittern. Auch spürte er den Beginn seines «Lebensherbsts», gerade war er 50 Jahre alt geworden. Die Entstehung seiner fünften Sinfonie, deren Uraufführung ein bedeutender Teil der Feierlichkeiten seines runden Geburtstages gewesen war, hatte Sibelius sehr mitgenommen. Seine Krise war nicht nur persönlicher Natur, auch die Weltpolitik stimmte ihn traurig. Sein geliebtes Europa war in den Ersten Weltkrieg geraten. Finnland kämpfte um seine Unabhängigkeit vom russischen Kaiserreich und stürzte in einen kurzen und blutigen Bürgerkrieg. Einige der Stücke vom Opus Nr. 81 schrieb Sibelius gar in einem Hotelzimmer in Helsinki, zeitgleich als deutsche Truppen eine Landung an der Westküste in Hanko vorbereiteten. Das Herz seiner Heimat singe sentimental, notierte er in sein Tagebuch. 


Im Licht dieser Ereignisse versteht man die Grundstimmung der „zwei ernsten Melodien“ vom Opus 77, Cantique und Devotion. Sibelius wünschte, dass Cantique in Kirchenkonzerten gespielt würde. Er wollte dieses spirituelle Stück mit einem weltlichen Stück ergänzen und plante die Veröffentlichung mit seiner Romanze in F-Dur. Er entschied sich aber doch für Devotion, gleich nachdem er sie vollendet hatte. 


Seine Romanze wurde ein Teil des Opus 78 (Titel 2). Die Opus-Werke 78, 79, 81, 106, 115 und 116 beinhalten alle Sammlungen von mehreren, kleinformatigen Musikstücken, die sehr geeignet sind, die kompositorische Vielfalt von Jean Sibelius zu veranschaulichen. Das Spektrum seiner Miniaturen reicht von lyrischen Salonstücken zu virtuosen Show-Nummern, von rhythmischen Tanzstimmungen zu wundervollen Naturimpressionen. Sämtliche dieser kleinen Stücke verraten die sibelianische Handschrift wie auch seine Zuneigung für Tanzformen.  


Die heilige Atmosphäre, die in Cantique und Devotion zu erleben ist, ist sehr ungewöhnlich für das Schaffen von Sibelius. Bei kirchlicher Thematik verbindet man ihn eher mit seinem meist gespielten (!) Werk, nämlich der Glockenmelodie zu Berghäll, op. 65b. Seit über 100 Jahren kann man diese musikalische Kreation jeden Tag um 12 und 18 Uhr in Helsinki hören. Treu wird sie von den sieben Bronzeglocken der Berghäll-Kirche geläutet, zu deren Eröffnung Sibelius dieses symbolische Stück 1912 komponierte («Kallion kirkon kellosävel»). 

 

Ein Komponist, dessen Kunst sich souverän in der sakralen Welt bewegt, ist der 85-jährige Arvo Pärt aus Estland. Aus geistlicher Inspiration entstanden ist u. a. sein Stück Fratres („Ordensbrüder“, 1977), welches den Eindruck eines Umzugs mittelalterlicher Mönche auf ihrem Weg zur Messe vermittelt.

 
Arvo Pärt ist der meistgespielte Komponist unserer Zeit, sein Fratres ein Welterfolg der Neuen Musik. Seine sehr individuelle Tonsprache ist ein Ergebnis von einer andauernden künstlerischen und persönlichen Entwicklung, zu welcher auch eine fast achtjährige Phase der Stille, ein schöpferischer Rückzug gehört.

 

„Ich war auf der Suche nach einer Klanginsel, auf der Suche nach einem Ort in meinem tiefsten Inneren, in dem – sagen wir so – ein Dialog mit Gott entstehen könnte. Ihn zu finden, wurde zu einer lebenswichtigen Aufgabe."


Einige Jahre nach der Veröffentlichung von Fratres mussten Arvo Pärt und seine Familie das sowjetische Estland verlassen. Sein künstlerisches Credo, insbesondere sein Tintinnabuli-Stil (sog. Glöckchenstil) sowie sein Glaubensbekenntnis wurden von der kommunistischen Diktatur kritisiert, und Pärt zur Emigration gezwungen.  

Tanz & Sentiments

Jean Sibelius (1865–1957)
Cantique und Devotion, op. 77 (1914-1915),

Arrangements für Violine oder Cello und Klavier
1. Cantique. Laetare anima mea („Erfreue dich, meine Seele“)
2. Devotion. Ab imo pectore („Vom ganzen Herzen“)            

 

Arvo Pärt (*1935)

Fratres (1977), Arrangement für Violoncello und Klavier

Jean Sibelius

Vier Stücke für Violine oder Cello und Klavier, op. 78 (1915-1917)
1 Impromptu
2 Romanze
3 Religioso
4 Rigaudon  

        

Antonín Dvorák (1841–1904)

"Waldesruhe", op. 68 Nr. 5 aus "Aus dem Böhmerwalde" (1883), Adagio, Fassung für Violoncello und Klavier (1892)  


Dmitri Schostakowitsch (1906-1975)
Sonate d-Moll für Violoncello und Klavier, op. 40 (1934)
1 Allegro non troppo
2 Allegro
3 Largo
4 Allegro

Paola De Piante Vicin, Klavier

Die aus Italien stammende Pianistin Paola De Piante Vicin gilt als eine wahre Kennerin von der Kammermusikliteratur für Violoncello. Seit fast 20 Jahren setzt sie sich intensiv als Korrepetitorin mit dieser Gattung auseinander und darf auf erfolgreiche Zusammenarbeit mit Cellisten wie Thomas Demenga, Ivan Monighetti, David Geringas, Wolfgang Böttcher und Miklós Perényi zurückblicken.
 
De Piante Vicin ist diplomierte Solo-Pianistin und Preisträgerin zahlreicher Klavierwettbewerbe. Sehr gefragt sind ihre Auftritte im Klavierduo mit ihrem Ehemann Adrian Oetiker. Weitere kammermusikalische Erfolge feiert sie u. a. mit der Violinistin Yuki Kasai und dem Cellisten David Pia im Klaviertrio.      
 
Neben Musik hat sie auch eine Leidenschaft für Literatur. Sie verfügt über einen Master-Abschluss in der Italienischen Philologie.
 
Sie ist Gründerin und künstlerische Leiterin der Konzertreihe Klanglichter in Sissach und amtiert als Kulturrätin im Kanton Baselland.

 

Lev Sivkov, Violoncello

Der russische Cellist Lev Sivkov spielt seit 2017 als Solocellist im Opernhaus Zürich, 2016 wirkte er als Solocellist im Königlichen Oper Kopenhagen.

 

Er ist Absolvent der Musikhochschule Basel und der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Stuttgart, wo er in den Klassen der international angesehenen Professoren Ivan Monighetti und Conradin Brotbek studierte. Danach erfolgten Studien bei Jean-Guihen Queyras an der Musikhochschule Freiburg.

 

Lev Sivkov ist Preisträger von vielen internationalen Cellowettbewerben, u. a. gewann er den 1. Preis am “W. Naumburg International Music Competition 2015” in New York.


Er spielt ein Cello von “Miremont et fils” (1880), gestiftet von der Landessammlung für Streichinstrumente Baden-Württemberg.  

Das Stück Waldesruhe ist der fünfte Titel aus dem Klavierzyklus „Aus dem Böhmerwald“, den Antonín Dvořák 1883 für Klavier zu vier Händen komponierte. Werke wie „Aus dem Böhmerwald“, die Konzertouvertüre „In der Natur“ und der Liederzyklus „Zypressen“  machen deutlich, wie fundamental wichtig die Natur für den böhmischen Komponisten Dvořák als Inspirationsquelle war. Seine Tonsprache, wie auch jene seines Zeitgenossen Sibelius, zeugt von Naturliebe und Heimatverbundenheit.

 
Die Fassung für Violoncello und Klavier arrangierte Dvořák 1892, als er seine Abreise in die Vereinigten Staaten vorbereitete. Er präsentierte das neue Cellostück mit seinem Trio auf seiner Abschiedstournee in den Land-schaften von Böhmen und Mähren. Waldesruhe strahlt Ausgeglichenheit aus und bewegt sich tänzerisch. Es wurde schnell zu einem Publikumsliebling.


Schnell zu einem gefeierten Publikumsfavoriten wurde auch die Cellosonate von Dmitri Schostakowitsch. Kaum war diese Sonate 1934 in Leningrad (St. Petersburg) uraufgeführt, wurde sie von ausländischen, d. h. westlichen Star-Cellisten ins Repertoire aufgenommen und konnte somit rasch einen Platz unter den Glanzstücken der Celloliteratur erreichen. 


Die Sonate ist das erste grosse Kammermusikwerk von Schostakowitsch, er schrieb sie mit 28 Jahren. Als Opernkomponist war der russische Komponist bereits eine Weltberühmtheit. Mit seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ (1932) hatte er sein Können als Vertreter der sowjetischen Moderne erfolgreich unter Beweis gestellt. Nach nur wenigen Jahren durften seine Werke aber kaum mehr aufgeführt werden: 1936 hatte das Stalin-Regime, das ausschliesslich volksnahe und für jedermann verständliche Kunst dulden wollte, auf die „irritierende und provozierende“ Musik von Schostakowitsch reagiert. Er wurde vom gefeierten Künstler zum „Volksfeind“. 

 

Als er die Sonate 1934 komponierte, ahnte er die Zensur vor: seine Klangsprache ist moderat. Vor allem ist aber hier der prächtige Melodiker Schostakowitsch zu hören, den Sibelius zu den drei bedeutendsten Komponisten des Jahrhunderts zählte.