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Birken

Clouds/ Memories/ Nocturne
Konzertreihe mit Musik von Kaija Saariaho

Fraynni Rui, Violine

Alessandro D'Amico, Viola 

Joonas Pitkänen, Violoncello

Aleck Carratta, Klavier

NOCTURNE

Kaija Saariaho (1952-2023)
Sept Papillons für Violoncello solo (2000)

Nocturne für Solovioline (1994)


Sauli Zinovjev (*1988)
Klavierquartett Chasse-Neige (2014)


Joachim Raff (1822-1882)

Klavierquartett Nr. 2 in c-Moll, op. 202, Nr. 2 (1876)

I Allegro

II Allegro

III Larghetto

IV Allegro

Konzertdauer ca. 70 Minuten, ohne Pause

Juni 2023

Theater Tabourettli, Basel

Hotel Schützen, Rheinfelden

Die dreiteilige Veranstaltung Clouds/ Memories/ Nocturne taucht in die finnische Gegenwartsmusik und zelebriert den 70. Geburtstag von Kaija Saariaho, Grande Dame der zeitgenössischen Komponierkunst. In der Konzertreihe wird eine Auswahl von Saariaho’s Kammermusik für Streicher vorgestellt, von klangstarken solistischen Stücken über dialoghafte Duos und Trios zu einem melancholischen Streichquartett. 


Kaija Saariaho war in mehreren Jahren hintereinander die am häufigsten aufgeführte zeitgenössische Komponistin (gem. Bachtrack Statistik). Ihr Stil ist pionierhaft und erfrischend modern geblieben. Einerseits ist sie ihren Idolen der französischen Spektralmusik der 1980er Jahre treu geblieben - sie lebt seit 40 Jahren in Paris - andererseits hat sie ihre eigenen, unverkennbaren Klanglandschaften geschaffen. Ihre Begabung mit sinnbildlichen und visuellen Komponenten sowie mit synthetischer Klangerzeugung fantasievoll und "natürlich" zu arbeiten, ist eine grosse Inspiration für Künstler aller Gattungen. Für Rezipienten ist ihre Kunst mit akustischen und elektronischen Klängen ein "ohrenöffnendes" Erlebnis.


Vor ihrer Auswanderung nach Frankreich, mit 30 Jahren, war Kaija Saariaho ein wichtiges Mitglied von Ohren auf! , einer künstlerischen Bewegung in Finnland, die sich zum Ziel gesetzt hatte, zeitgenössische Musik auch im fernen Norden zu etablieren. Ohren auf! wurde Anfang 1980er Jahre von einer Gruppe junger Musiker gegründet, die sich für moderne Musik mit ihren unterschiedlichen Stilrichtungen und Gebieten interessierte. Neben Saariaho bildeten weltbekannte Komponisten/ Dirigenten, wie Esa-Pekka Salonen und Magnus Lindberg, die Kerngruppe der Bewegung. Ihre Aktivitäten umfassten öffentliche Konzerte, Vorlesungen und Podiumsgespräche sowie Seminare wie auch gemeinsame Reisen ins Ausland. Obwohl manchmal nur „zwei Menschen und ein Hund“ im Publikum sassen, wurde das ambitiöse Vorhaben von der Öffentlichkeit mit viel Anerkennung verfolgt. Entgegen den Erwartungen gelang es Saariaho und ihren Künstlerfreunden, die viel Zeit miteinander verbrachten und sehr kollegial ihre Pläne entwickelten, das Herz des finnischen Publikums für Neue Musik zu gewinnen.    


Eine herausfordernde Dimension in der Überzeugungsarbeit bildeten die neuen Technologien, mit deren Hilfe elektronische Musik komponiert wurde. Die Rede war von Computermusik. Um sich mit der Kunst der synthetischen Klangerzeugung auseinanderzusetzen, verliess Saariaho Helsinki und absolvierte vertiefende Studien in Freiburg und Paris. Unterhalb des Centre Pompidou befand sich das Institut IRCAM (Institut de Recherche et Coordination Acoustique/Musique), in dessen elektroakustischen Experimentierräumen Saariaho ein neues Terrain erobern durfte. Hier begann ihre beispiellose Reise in der Forschung der akustischen Phänomene und im Schaffen von Kompositionen, die Verbindungen zwischen Musikern und elektronischen Klängen ermöglichen.


„Der Hintergrund meiner Musik ist oft kräftig visuell. Mich inspirieren Licht- und Farbphänomene, auch Lyrik. Vor Beginn einer Komposition sehe ich Klänge vor meinem inneren Auge als Farben und Texturen. Ich gehe konzeptionell vor, mache grafische Notizen, male Linien mit Pinsel auf dem Papier.“ (Kaija Saariaho) 

 

Die Namen der Kompositionen von Kaija Saariaho (1952-2023) wecken poetische Bilder und fantasievolle Visionen in uns. Wir besuchen einen Jardin secret oder wandern in einem Château de l’Âme. Wir erleben Verblendungen oder schauen und staunen einen Lichtbogen im nordischen Nachthimmel. Wir hören, wie Kristall zu Asche zerbricht, Du cristal… à la fumée, oder wir beobachten Wolken in den französischen Alpen, wie Kaija Saariaho, als sie das Cloud Trio in Les Arcs komponierte. 


Sept Papillons für Violoncello solo (2000) besteht aus sieben Miniaturen mit etwas flüchtigen Titeln: Papillon I, Papillon II,…, Papillon VII. Die Komposition eroberte nach deren Veröffentlichung einen festen Platz im Standardrepertoire für Violoncello solo. Die Cellisten loben deren kompositorischen Qualitäten: Die bogentechnischen Heraus-forderungen, die Harmonien, die Verwendung der erweiterten Spieltechniken wie auch sul ponticello finden grossen Anklang bei Cellisten. Die sieben Schmetterlinge sind aber auch ein Publikumsliebling. Regelmässig landen die Miniaturen auf Klassik Top -Listen, wie „Five minutes that will make you love the cello„. 


Saariaho sagt, dass sie sich mit Sept Papillons von einem umfassenden Kompositionsprozess für Oper habe verabschieden können. Sie habe das Stück während der Probearbeiten ihrer ersten Oper, L'Amour de loin, geschaffen. Bewusst hat sie die ewigen Themen einer Oper – Liebe, Sehnsucht, Tod – hinter sich lassen und in Richtung „metaphor of the ephemeral: butterfly“ bewegen wollen. Wie Schmetterlinge sind auch die Miniaturen von Saariaho flüchtig/ephemer und eloquent leicht.  


Sept Papillons für Violoncello solo ist ein Auftragswerk der Rudolf Steiner Stiftung und dem finnischen Cellisten Anssi Karttunen gewidmet, einem langjährigen musikalischen Wegbegleiter von Kaija Saariaho.


Mit Nocturne für Solovioline (1994) will Saariaho ihren verstorbenen Komponisten-kollegen Witold Lutoslawski (1913-1994) ehren.  Das Solostück für Violine wurde nur neun Tage nach seinem Tod von John Storgårds in Helsinki uraufgeführt: Saariaho hatte es unmittelbar nach dem Versterben des von ihr sehr geachteten Komponisten geschrieben. Nocturne wurde zu einer wichtigen Geschichte für Saariaho. Die Komposition beinhaltete Elemente, die sie inspirierten, noch im selben Jahr ein weiteres Werk zu schreiben: Das Violinkonzert Graal Théâtre entstand aus Nocturne’s „material, which then began to grow into a beginning of a concerto”.  

 

"Der Einfluss von Kaija Saariaho auf mein Komponist-Sein ist sehr bedeutend“, sagt Sauli Zinovjev (*1988) , ein Vertreter der jungen Komponisten-generation Finnlands. Die Branche sei sehr kollegial und von gegen-seitiger Wertschätzung und Unterstützung geprägt, empfindet der 35-jährige Zinovjev. „Auch ich bin in meiner Arbeit von Saariaho gefördert worden. Dieserart Verbundenheit ist meines Erachtens charakteristisch für das finnische Kulturleben. „
 

Die Finnen lieben ihre Dirigenten, Opernsänger und Komponisten. Die künstlerischen Tätigkeiten und gesellschaftlichen Initiativen dieser keineswegs elitären Künstler werden nicht nur in Fachmedien, sondern auch in Lokalzeitungen wie auch in der Regenbogenpresse thematisiert. Sie gastieren in Talkshows und Podiumsgesprächen, nehmen an der öffentlichen Diskussion Teil, sind präsent und nahbar. Der Bereich genießt hohe Beachtung. Zinovjev ist der Ansicht, dass gerade Persönlichkeiten wie Kaija Saariaho, viel dazu beigetragen haben. Sie hätten jahrzehntelang ihre Vorbildfunktion grossartig wahrgenommen.


Zinovjev ist Absolvent der Sibelius-Akademie, der Musikhochschule in Helsinki. Er komponiert vorwiegend Orchestermusik. Bisher sind seine Werke u. a. von Royal Concertgebouw Orchestra, den Münchner Philharmonikern, vom Tokyo Metropolitan Symphony Orchestra und Philharmonischen Orchester Oslo gespielt worden, teilweise auch als Auftragswerke. Musik für kleinere Besetzungen schreibt er regelmäßig, seine Absicht sei mindestens ein Kammermusikstück im Jahr zu komponieren. „Diese wirken oft wie ein Laboratorium, in welchem ich neue Ideen befreit entwickeln und prüfen kann. Gelegentlich landen sie dann als Elemente in größere Werke.“
 

Der junge Zinovjev spielte Gitarre in einem Rockband und fuhr auf seinem Skateboard. Nachdem er ein Videoclip mit György Cziffra am Klavier gesehen hatte, Franz Liszt spielend, stand er an einem Wendepunkt: 
“It was as if wallpaper had been torn off the wall revealing a window to an open landscape. The euphoria and the virtuoso performance left a fanatic impression on me. To have the ability to inject so much art into a single moment. The entire spectrum of life.”


Das Klavierquartett Chasse-Neige (2014) wurde vom Ensemble Recherche in Auftrag gegeben, das seit fast vier Jahrzehnten zu den besten und produktivsten Akteuren in der europäischen Szene der Neuen Musik gehört. Mit Chasse-Neige gelang dem damals 26-jährigen Zinovjev der Durchbruch als Komponist. Die Komposition unterscheidet sich wesentlich von seinem heutigen Stil. Sie darf als Klangstudie eines jungen Komponisten betrachtet werden. Hier machte er sich an die künstlerische Arbeit mit einer windigen Winterwetter-Etüde für Klavier als Vorbild, der Transzendentale Etüde Nr. 12, Chasse-Neige von Franz Liszt.  Zinovjev’s (finnischen) Schneewirbel kann man gleich zu Beginn des Stücks erleben. 

 

Klavierquartett Nr. 2 in c-Moll, op. 202, Nr. 2 (1876). Die Kompositionen von Joachim Raff (1822-1882) erlebten ein Revival in 1980-er Jahren. 2022 wurde sein Gesamtwerk anlässlich seines 200. Geburtstages wieder entdeckt. Zu Lebzeiten gehörte der in Lachen im Kanton Schwyz geborene Raff zu den grossen, weltweit bekannten Komponisten aus dem deutschen Kulturraum. Hier wurden Raff‘s Werke in seiner Hauptschaffensperiode häufig aufgeführt; während einiger Jahren war er gar der meist gespielte Symphoniker. Die fast 100-jährige Stille um seine Kammermusik, Sonaten, Orchestersuiten, Ouvertüren, Opern und Sinfonien wird meistens dadurch begründet, dass sich seine Arbeiten kaum stilistisch einordnen lassen: „weder Romantiker noch Traditionalist“. Seine Musik ist eher spätromantisch. Sie klingt nach Brahms, Wagner, Mendelssohn - und nach Joachim Raff.

 

Er war ein Autodidakt, dessen Begabung von seinen Zeitgenossen Felix Mendelssohn Bartholdy und Franz Liszt anerkannt wurde. Dank ihrer Empfehlung wurden seine ersten Kompositionen vom Musikverlag Breitkopf & Härtel veröffentlicht. Franz Liszt, sein grosses Vorbild und künftiger Mentor, durfte er 1845 in Basel kennen-lernen. Hierhin marschierte er zwei Tage lang aus Zürich, weil er sich keine Postkutsche leisten konnte. Das Konzert von Liszt durfte er erleben, den Meister ansprechen und ihn von seinen künstlerischen Tätigkeiten überzeugen. 1850 wurde Raff sein Assistent in Weimar und half ihm bei der Vorbereitung vieler Werke, vor allem bei deren Orchestrierung.   

Kaija Saariaho, Academician of Arts, 1952-2023. Trauer um Komponistin. Am Vorabend der Finissage unserer Konzertreihe erreichte uns die traurige Nachricht aus Paris. Kaija Saariaho starb am 2. Juni 2023. 

Konzertplakat Nocturne 03.-04.06.23
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