Februar 2017, Maison 44, Basel

Die Motivation der aus dem finnisch-schwedischen Grenzort Karesuvanto/ Karesuando stammenden samischen Künstlerin, Ingá-Máret Gaup-Juuso, für das Schaffen von Joiks ist grundlegend: Das Erhalten der uralten Joik-Tradition. Für ihr Engagement als Verfechterin des nordischen Kulturerbes wurde sie 2016 mit dem Larin Paraske Preis ausgezeichnet. Er wird jährlich an eine/n Künstler/in verliehen, welche/r die Tradition der finnischen Volksdichter und –sänger fortsetzen. 

 

Ingá-Máret Gaup-Juuso, die seit ihrer Kindheit joikt, kann in ihrer Arbeit als moderne Joik-Interpretin auf einen einzigartigen Fundus greifen. Ihr persönliches Repertoire umfasst gar 150 Jahre alte Joiks, was bemerkenswert ist, weil es ja sich hier um Kulturgüter handelt, die mündlich überliefert wurden – und noch heute werden. Die ältesten samischen Tonaufnahmen stammen aus dem Jahr 1911, Texte wurden in den 1820er Jahren aufgeschrieben. 

 

Gaup-Juuso unterstreicht vor allem die Bedeutung der Texte in den Joiks. Sie seien ein wichtiger Teil der samischen Literatur, aber oft auch wesentliche Informationsquellen über Orte, Familien, Menschen wie auch deren Rituale. Für ihre eigenen „Balladen“ lässt sie sich durch die lappländische Tundra und samischen Bräuche inspirieren. In der Regel werden die Metaphern der knappen Joik-Texte und die urtümlichen Melodien von „Aussenseitern“ nicht verstanden; Das Joiken ist noch heute eine persönliche Kommunikationsart in der samischen Gesellschaft, obwohl ihre Musik einen Platz in der Weltmusik-Szene gefunden hat.          

 

Die wichtigste Plattform des samischen Volks für die Vorstellung seiner zeitgenössischen Musik ist der alljährliche „Sámi-Grand-Prix“-Wettbewerb in Kautokeino, Norwegen, an welchem Teilnehmer aus Norwegen, Schweden und Finnland ihre Joik-Künste seit 1990 unter Beweis stellen. 2015 belegte Ingá-Máret Gaup-Juuso hier den zweiten Platz.  

 

Sie tritt in den nordischen Ländern als Solo-Künstlerin und Joik-Vokalistin von kleinen Ensembles auf. Mediales Interesse weckte 2014 ihre Zusammenarbeit mit Loreen, der schwedischen Pop-Sängerin, die 2012 den Eurovision Song Contest gewann. Die modernen Joik-Musikproduktionen mögen unterhaltsam sein, bei den traditionellen Joiks soll der Zuhörer aber wissen, dass es hier nicht um Vermittlung von künstlerischen Botschaften geht. Die Samen joiken nicht über etwas, sie joiken etwas, z. B. eine Situation, Landschaft, einen Menschen, ein Tier. Die Vorstellung von deren Anwesenheit entsteht beim Sänger – und beim Zuhörer, wenn er sich in die oft mystische Atmosphäre versinkt! Die Verbundenheit des samischen Volks mit der Natur prägt die Joik-Musik, die sich noch heute ohne Einfluss der Massenkultur entwickeln kann. Dazu tragen u. a. die geografischen und sprachlichen Gegebenheiten bei.  


Den musikalischen Einstieg in den Auftritt von Ingá-Máret Gaup-Juuso bieten zwei Soloklavierwerke des finnischen Pianisten und Komponisten Selim Palmgren (1878-1951). Im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen, Jean Sibelius, der sich auf Sinfonien, grosse Orchesterwerke und Kalevala-Motive (National-Epos Finnlands) konzentrierte, setzte sich Palmgren mit der Klaviermusik auseinander. Er schrieb fünf Klavierkonzerte und fast 350 Miniaturen für Klavier, aus welchen er gerne Sammlungen bildete. Wie viele seiner Landsleute, stellte auch Palmgren fest, dass Impressionen aus der Natur nicht nur fruchtbar für seine „musikalische Fantasie“ waren, sondern auch entscheidend für die künstlerische Entwicklung und Produktion. 

 

Am Horizont von Sápmi, des Lands der Samen, bewegt sich, rastlos und suchend, ein schwaches Nordlicht. (Nils-Aslak Valkeapää, 1943-2001)    

Spirit Lapponia

Zum 100. Jahrestag der Unabhängigkeit Finnlands:

Musik der alten Kulturlandschaften Finnlands

 

Selim Palmgren (1878–1951)
Barcarolle op. 14 für Soloklavier (1905)
Schneeflocken aus Trois Morceaux op. 57 Nr. 2
für Soloklavier (1917, Lumihiutaleita)

Drei Joik-Lieder meiner Familie, eine Zeitreise
zwischen ca. 1860–1970, Solo-Joik

Ingá-Máret Gaup-Juuso (*1987)
Áibbašeapmi (2016, „Sehnsucht“) für Joik, Kantele und Gitarre

 

Inga Juuso (1945–2014), Frode Fjellheim (*1959)
Máttáráhkku (2011, „Urgrossmutter“) für Joik, Kantele und Gitarre

 

Nils-Aslak Valkeapää (1943–2001)
Davás (1982, „nach Norden“) für Joik, Kantele und Gitarre

 

Künstler

Fiore Favaro, Klavier

Ingá-Máret Gaup-Juuso, Joik

Viola Uotila, Kantele, Gesang

Hannu Siiskonen, Gitarre

 

Konzertbegrüssung: Ute Stoecklin, Pianistin und Galeristin

 

Kontakt Feeling blue & white

 

Künstlerische Leitung: Joonas Pitkänen, pitkaenen(at)gmx.ch, Tel 078 718 9033
PR & Events: Krista Järvensivu, jaervensivu(at)gmx.ch, Tel 077 415 7688

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